Wurst und Durst hat keinen Slogan,
dafür eine Weltkarte.


 
 
Capitol
Washington, DC
USA
Tel. +1 202 866 3342

Essen: Unappetitliches
Map

Wurst & Durst meint:
Food / Drinks: 3
Kellner: 4
Ambiente: 5

Chörbli passiert Sicherheitscheckpoints erfolgreich

Exklusiv, exquisit und vor allem absolut sicher, so stellt man sich ein Essen im Capitol in Washington D.C. vor. Dank der Spezialeinladung von Mazda ging’s auch problemlos an den ersten Sicherheitsleuten im Schrankenformat vorbei. Selbst die zweite Sicherheitshürde wird dank unserem Begleiter Steve Livengood locker überwunden: Statt Filzen ist Durchwinken angesagt. Doch spätestens am Eingang zum Senats-Trakt des Capitols ist auch für uns Ende der Fahnestange. Nicht gerade Schuhe Ausziehen und komplette Body-Search – einzig verbleibendes Sexleben für alle stressgeplagte, vielfliegende Geschäftsleute – ist angesagt, aber durch den Metalldetektor und das Röntgengerät muss auch die kleinste Digikam. Doch schliesslich ist auch diese Hürde überwunden und wir erklimmen die Treppe zum ersten Stock. Ziel: Der Familien-Raum des Senats mit Cheminée, irgendeinen Porträt eines hoch erwürdigen, längst verstorbenen Senators der Vereinigten Staaten sowie natürlich der Flagge, die ja in Amerika nicht nur jeden Morgen von den Schülern stolz besungen wird, sondern einfach überall rumhängen muss.

Chörbli hegt Vorurteile gegenüber der US-amerikanischen Küche

Eigentlich keine schlechte Vorzeichen für ein opulentes Mahl an einem exklusiven Ort, wenn einem da nicht klammheimlich Zweifel betreffend der amerikanischen Küche beschleichen würden. Die Menukarte mit dem Hinweis «Surprise diner for special guests of Mazda Motors Corp.» hilft auch nicht gerade weiter. Also abwarten und noch kurz Erinnerungsfotos schiessen. Doch die Zeit eilt, die weissbehandschuhten, aber trotzdem, oder gerade deswegen, sehr umständlich hantierenden Kellern versuchen Pilzpastetchen und Spinattörtchen los zu werden – wusste gar nicht, dass die Migros-Aufback-Apéro-Variationen auch in Washington D.C. zu kaufen sind. Wobei die Reise den Teilchen einen übleren Jetlag verpasst haben muss als mir. Echt unappetitlich braun sehen sie aus und schmecken leider auch genauso. Na ja, mit einem Wodka lässt sich auch so etwas runterspülen. Nur war ich leider wieder nicht schnell genug, um zu verhindern, dass der Kellner mir wieder einen ganzen Eisberg in mein Glas gepackt hat. Unmögliche Amis, mehr Eis als Drink im Glas! Zum Trost fahren die befrackten Lakaien die Vorspeise auf, welche sogar essbar aussieht: Salat.

Chörbli ist ein anspruchsvoller Gast

Meine Freude währt jedoch nicht lange, denn nach der ersten Gabel Salat frage ich mich, ob Columbus 1492 die Salatsauce doch nicht über den Teich gebracht hat und die Amis immer noch auf diese glorreiche Errungenschaft vom alten Kontinent warten müssen. Lustlos kaue ich mit meinen Journalistenkollegen auf der Delikatesse fürs Simmentaler Fleckvieh rum und bin froh unter dem ganzen Grünzeug noch zwei Cherry-Tomätchen zu finden. Von jetzt an kann es eigentlich kulinarisch nur noch aufwärts gehen, schliesslich sind wir im Capitol und da wird man ja kaum ein Essen, dass nicht einmal Klägers Uni-Mensa-Menüs gerecht wird, auftischen… Tja, weit gefehlt, als Hauptgang gibt’s kalten Reis, lauwarme, grüne Spargeln und für alle Fischliebhaber eine völlig verkochte, aber schon wieder ausgekühlte Lachstranche. Kein Wunder, wenn die Kellner mit dem Teller durch den ganzen Saal schreiten müssen, um das Ding endlich an den Mann oder die Frau zu bringen. Wenig erwartungsvoll warte ich daher auf meinen fischlosen Teller – statt Fisch gibt’s Huhn. Bis auf die Hühnergrippe kann man da ja wohl kaum etwas falsch machen, aber ich muss zugeben, ich habe die Raffinesse der Capitol-Küchenbrigade unterschätzt. Fasrige Pouletbrust mit Apfel-Zimt-Füllung!!! Mir graust und ich wende mich zusammen mit meinen europäischen Kollegen mit wenig Enthusiasmus dem saucenlosen Spargeln und dem faden Reis zu, während die Amis am Nebentisch genussvoll schmatzend den ganzen Teller wegputzen. Bauern-Gourmets, unglaublich!!!

Chörbli verschlingt den Dessert sehr dankbar

Normalerweise lass ich mich bei einem mittelmässigem Essen ja noch durch den Anblick einer süssen Kellnerin – hier ebenfalls Fehlanzeige – oder zumindest eines tollen Desserts besänftigen und der Hinweis des Mazda-Pressechefs, dass der Desserts das Beste am Menü sei, lässt mich wieder hoffen. Zumindest optisch sieht das Ganze noch ansprechend aus: Weisses Mini-Capitol auf rotem Grund. Erdbeer-Softeis-Topic und weisse US-Schokolade – aber irgendwie muss man ja satt werden – und da naht auch schon die Rettung, denn was erblickt mein hungriges Auge unter der Kuppel des Schoko-Capitols, es ist kaum zu glauben, von der amerikanischen Katastrophenküche unberührt gebliebene und damit geniessbare Him- und Brombeeren! Ein versöhnlicher Abschluss für ein Diner an einem aussergewöhnlichen Ort, mit einem aussergewöhnlich schlechten Essen, nachdem man über jeden pampigen BigMac einen wahren Lobgesang schreiben würde…

PS: Vorzuziehen ist natürlich ein saftiger Burger im Clydes in Georgetown. Dabei unbedingt das Erinnerungsfoto vor dem Plakat der Zürichsee-Schifffahrt nicht vergessen.
Chörbli 05/2006

Die Zwischentitel wurden nachträglich von einem Nachfahren der Jefferson-Familie eingefügt.
Nächstgelegene Restaurants: Clyde's of Georgetown (5.4km)



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